#47/2026: Fridolin

Laufende Nummer: 47/2026

Name: Fridolin

Datum Einlieferung: 23. Juni 2026

Datum Auswilderung: noch offen

Auswilderung Fundort: JA

Spende vom Finder: 20 Euro, plus 50 Euro später für eine Futterpalette und 1 Sack KTF

Befund: 853 Gramm schwerer, männlicher Altigel.

Untergewichtig.

Zwei ca. 1cm lange aber sehr tiefe Schnitte am Kopf- Stirnbereich mit Madenbefall. Eine ca. 1cm tiefe Schnittwunde ca. 2 cm unterhalb/mittig der beiden anderen Schnitte, direkt über rechtem Auge. Verletzung durch Schlagfalle für Ratten!

Fridolin, der kleine Glücks-Igel: Glück im Unglück!
Seine Finderin füttert Igel und hat auch ein Schlafhaus für die Tiere im Garten. Sie hörte darin etwas „klimpern“. Als sie nachschaute, fand sie Fridolin. Den Kopf in einer Rattenfalle. Beherzt entfernte sie das Ding und schrieb mir eine Mail. Sie schrieb, der Igel sehe eigentlich unverletzt aus. Sie habe allerdings auch ein paar Fliegeneier aus seinem Pelz entfernt.
Jedenfalls sei da kein Blut. Zur Sicherheit habe sie ihn aber mal in eine Box gepackt und gefüttert. Fressen täte er auch. Ich bat sie, dass Tier dennoch vorbeizubringen — besser ist besser. Irgendwie konnte ich mir das auch nicht vorstellen, dass ein Igel so etwas unverletzt überstehen könnte. Und bei Fliegeneiern gehen bei mir auch immer gleich die Alarmglocken an.
Zum »Glück« ist seine Finderin wirklich tierlieb und setzte sich so gleich ins Auto. Sie kommt aus Norden und brachte mir ohne Diskussion einen Igel, von dem sie selbst überzeugt war, er sei unverletzt! Da haben sich schon ganz andere Leute geweigert, die wesentlich näher wohnen, mir augenscheinlich schwer verletzte Tiere zu bringen.

(Der letzte erst kürzlich. Ein Mann, der keine 5 KM von Aurich entfernt wohnt. Er schrieb, er habe einen verletzten Igel mit Maden. Habe aber heute keine Zeit, ihn zu bringen. Ich meldete mich innerhalb von 30 Minuten, obwohl es schon spät war. Ob er das Tier gleich am nächsten Morgen bringen könnte. Ich erklärte auch die Dringlichkeit. Er antwortete aber nicht mehr und ich ging davon aus, das Tier sei gestorben. Genau eine Woche später schrieb er erneut. Der Igel wäre heute in seiner Garage gestorben — was meine Schuld sei, weil ich keine Tiere abhole.)

Zurück zu Fridolin. Unter der Lupenlampe sah ich dann, dass aus den kleinen, aber tiefen Wunden winzige Maden krochen, obwohl tatsächlich kein Blut zu sehen war. Die winzigen Maden waren wohl erst kürzlich geschlüpft. (Leider habe ich davon keine Fotos gemacht. Die Schnitte waren zudem wirklich nur unter der Lupe zu erkennen, ebenso wie die noch winzigen Maden. Nur das Foto, wo er wegen der Wärme das Beinchen aus dem Handtuch streckt habe ich gemacht.) Also bekam der kleine Mann erst mal 0,2 ml Dectomax und Schmerzmittel. Dann reinigte ich die Wunden und entfernte dabei mit der Pinzette alle Maden — das dachte ich jedenfalls. Und natürlich bekam er Antibiotikum. Das Standard-Antibiotikum bei Verletzungen: Trymox (Amoxicillin), was sich als Denkfehler meinerseits herausstellte.
Fridolin blieb zum »Glück« bei mir. Am nächsten Morgen sah ich, dass immer noch Maden aus dem Wunden krochen, wenn ich daran drückte. Also spülte ich die Wunden mit Dectomax, welches ich mit sterilem Sesamöl verdünnt hatte und mithilfe einer superdünnen Kanüle. Dann checkte ich noch zwei Mal alle paar Stunden die Wunden, um sicher zu sein, dass nun wirklich alle Maden tot waren.
Meine Angst war, dass die Maden sich trotzdem in sein Gehirn gefressen haben könnten, weil diese so tief waren. Diese Befürchtung bewahrheitete sich »glücklicherweise« nicht.

Am 27.06.2026 brachten wir Fridolin wieder zu seiner Finderin. Vorsorglich hatte ich die Wunden nochmal mit antibiotischen Blauspray eingesprüht. Theo und ich sind am nächsten Tag für drei Tage nach Langeoog — bevor die Igelsaison richtig anfängt und die ersten Igelbabys kommen. Da Fridolin aber immer noch Antibiotikum bekam, hat eine unserer Außenstellen die Aufgabe übernommen und ist zu der Finderin gefahren, um ihm sein Medikament zu spritzen. (Trymox wird nur alle 48 Stunden verabreicht.)

Am Tag unserer Rückkehr von Langeoog sind wir dann noch mal bei der Finderin vorbei, was wieder »Glück« für Fridolin war. Die Finderin hatte nämlich eine Futterpalette und einen Sack getreidefreies Katzentrockenfutter für ihre anderen Igel im Garten bei uns bestellt. Wir hatten am 27.06. das Futter allerdings vergessen. Also versprach ich, es am Tag der Rückkehr von Langeoog (01.07.2026) vorbeizubringen. Wir mussten eh den Umweg über Emden/Norden fahren, weil wir unsere Igel dort bei unserer Außenstellen wieder abholen mussten. Beim Check-up viel mir dann sofort auf, dass Fridolin jetzt nach Eiter roch. Also nahm ich ihn wieder mit.

Zu Hause sah ich, dass die kleinen Schnitte sich entzündet hatten und eiterten. Als erstes stellte ich das Antibiotikum um, denn diese Entzündung hatte nichts mit der Verletzung zu tun, sondern war eher auf Bakterien, die an den Zähnen der Schlagfalle gesessen haben mussten, zurückzuführen. Ich dachte dabei gleich an Belinda, die 2025 von einem Hund gebissen worden war — da hatte das Amoxicillin auch nicht gewirkt. Was Fridolin nun ebenfalls benötigte, war Baytril (Enrofloxacin).
Wahrscheinlich war diese Falle nicht das erste Mal erfolgreich benutzt worden und an ihren Zähnen klebte Blut von getöteten Ratten, welches Fridolins Wunden nun mit Bakterien infiziert hatte.

(Ich muss mal wieder abschweifen! Aber ich BEGREIFE das einfach nicht! Wenn jemand schon solche Fallen gebraucht, weil er eine Rattenplage hat — warum stellt er die Dinger dann nicht 50 cm vom Boden entfernt, bspw. auf eine Mauer, wo kein Igel drankommt? Eine Ratte springt aus dem Stand locker einem Meter hoch!)

Noch am selben Abend habe ich Frido operiert und das bereits nekrotische Gewebe abgeschnitten. Dann habe ich die Wunden mit Lavanid gespült und mit Nekrolytsalbe behandelt. Jetzt kam mir die Erfahrung mit Belinda zugute. Ich wusste, dass das neue Antibiotikum einige Tage benötigte, um zu wirken und dass sich in der Zeit die Nekrose ausbreiten würde. Doch wieder hatte das kleine Kerlchen »Glück« im Unglück: Der Wundbrand an den oberen beiden Schnitten breite sich nämlich in Richtung Auge aus, da wo der andere Schnitt war. Und von dort breitete sich der Wundbrand Richtung der anderen beiden Schnitte aus. Ich hoffte also, dass ich diesen toten Hautlappen in ein paar Tagen einfach so abziehen könnte. So lange spülte ich die Wunden nur jeden Tag mit ein bisschen Lavanid, entfernte den Eiter mit einem Ohrenstäbchen und gab Nekrolytsalbe hinein.

05.07.2026 / 903 Gramm: Heute Morgen habe ich ihn noch mal in Narkose gelegt. Zwischen dem unteren Schnitt, gleich über dem rechten Auge, und den beiden Schnitten darüber konnte ich die Haut samt Stacheln so abziehen. Was ich da auf dem Foto in der rechten Hand halte, ist das tote Gewebe. Nur gleich über dem Auge musste ich noch ein Stück mit dem Skalpell entfernen. Aus drei kleinen Wunden ist eine große geworden, aber sie eitert nicht mehr. Die Haut ist rosig und blutete, was immer ein gutes Zeichen ist, heißt es doch das darunterliegende Gewebe ist noch intakt.

Ich denke, der kleine Mann hat das Schlimmste nun überstanden. Ich hoffe, dass er so viel »Glück« wie seinerzeit Belinda hat und auch die Stacheln wieder nachwachsen werden. Ansonsten geht es ihm den Umständen entsprechend gut. Sein Appetit ist gut und er nimmt langsam zu. Die Kotuntersuchung hat einen leichten Befall mit DHW ergeben. Wenn er kein Antibiotikum mehr nötig hat, werde ich ihn ggf. noch entwurmen. Erstens wird es noch eine ganze Weile dauern, bis die Wunde wirklich verheilt ist – genug Zeit also, um ihn zu entwurmen und zweitens kann ich nicht ausschließen, dass sein Untergewicht auch andere Ursachen als die Verletzung haben kann. Die Verletzung war relativ frisch – der Größe der Maden nach zu urteilen nicht älter als max. 3 Tage. Außerdem hat er auch jetzt immer wieder Gewichtsschwankungen, die ich nicht zwingend auf eine mögliche schlechte Verträglichkeit des Antibiotikums zurückführen kann. Und natürlich bekommt er zu gegebener Zeit auch noch eine Aufbaukur für die Darmflora.
To be continued…

Letztendlich hat der kleine Mann sein Leben jedoch seiner beherzten Finderin zu verdanken, die geistesgegenwärtig die Falle entfernte und mir dann auch noch eine Mail schrieb — obwohl sie (fast) sicher war, er wäre unverletzt! 

 

 

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dieses Blogs:
Kristina Martha Bruins

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