Unserem Verein – und ganz besonders mir persönlich – ist Transparenz sehr wichtig. Deshalb werde ich hier immer wieder etwas über unsere aktuellen Patienten schreiben, ähnlich einem Tagebuch.
Heute wurde der erste schwer verletzte Igel des neuen Jahres gebracht. Eine Bekannte, die ebenfalls GANZJÄHRIG IGEL FÜTTERT*** hatte ihn morgens unter der Futterpalette entdeckt.
***Ganzjährig Futter bereitstellen ist deshalb so wichtig, weil kaum ein Igel wirklich den ganzen Winter durchschläft. Gerade Jungigel erwachen immer wieder und gehen auf Nahrungssuche. Da es im Winter aber keine Insekten gibt, gibt es auch keine Nahrung. Früher war das unproblematischer, weil die Igel in der Regel mit ausreichend Gewicht in den Winterschlaf gingen. Wurden sie mal wach, hatten sie danach immer noch genug Fettreserven, um wieder einzuschlafen. Ein Jungigel benötigt mindestens 500-600 Gramm Gewicht für einen qualitativ guten Winterschlaf. Ein Altigel mindestens 800 Gramm Gewicht. Geht ein Igel aber schon mit dem Minimum an Gewicht in den Winter, ist es gut möglich, dass er in einer Nacht, wo er nicht schläft, so viel Gewicht verliert, dass er danach nicht mehr einschlafen kann. Das sind dann oft die Igel, die mit 200 Gramm im Januar gefunden werden. Die Finder glauben fälschlicherweise, sie hätten ein Igeljunges gefunden, dass nur sehr spät geboren worden wäre. In Wahrheit sind das ausgewachsene, halb verhungerte Tiere. Ein Igel kann in einer kalten Nacht ohne Nahrung bis zu 10% seines Körpergewichtes verlieren. Erschwerend kommen die oft viel zu milden Temperaturen im Winter hinzu. Bei Temperaturen über 7 Grad Celsius ist es für Igel nämlich generell schwierig, Winterschlaf zu halten. Außentemperaturen, Tageslichtlänge, Körpergewicht, Nahrungsangebot und wahrscheinlich der Hormonhaushalt sind ausschlaggebend dafür.
Engelbertchen, so wie wir den ersten Igel des neuen Jahres genannt haben, ist ein Altigel. Er wog 670 Gramm und hatte eine sehr schwere Kopfverletzung, auch sein halbes rechtes Ohr fehlte. Die Wunde war schon älter. Zum Glück war es schon seit Wochen so kalt, dass keine Fliegen, die sofort ihre Eier auf ihm abgelegt hätten, mehr unterwegs waren. Außerdem hatte er eine mittelschwere Systemmykose – also Hautpilz und Milben. Gegen die Milben habe ich ihm Dectomax gespritzt. Dectomax braucht allerdings mindestens 30 Tage (abhängig vom Fettgehalt eines Igels), bis es verstoffwechselt ist. In dieser Zeit darf ein Igel bspw. nicht in den Winterschlaf fallen, da das Dectomax dann die Leber schädigen könnte. Weil seine Kopfwunde aber mindestens einen Monat benötigen würde, bis sie ganz verheilt wäre und er vorher eh nicht in ein Gehege für den kontrollierten Winterschlaf könnte, machte ich mir wegen des Dectomax keine Gedanken.
Kopfzerbrechen bereitete mir der Pilz. Zur Behandlung muss ich einen Igel alle 4 Tage in Imaverol baden – und zwar auch den Kopf. Gerade im Gesicht hatte Engelbertchen nämlich auch den stärksten Pilzbefall. Wegen der schlimmen Kopfverletzung war das Baden aber in den ersten Wochen keine Option. Stattdessen bepinselte ich sein Gesicht mit etwas verdünnten Imaverol und sprühte den restlichen Körper damit ein. Sein Gesicht beträufelte ich zudem noch mit Nystaderm Suspension. Auf dem 2. Foto sieht man sehr schön die schuppige Haut im Gesicht mit dem Pilzbefall und einen Teil der noch nicht verheilten Wunde links. Das Foto entstand am 22.02.2026, da wog Engelbertchen schon wieder stolze 981 Gramm.
Und natürlich wurde auch sein Kot untersucht. Engelbertchen hatte aber nur einen leichten Befall mit Darmhaarwürmern. Bei Altigeln mit nur leichtem Befall an Innenparasiten und ohne Symptome überlegt man sich, ob man das Tier überhaupt entwurmt. Einmal wieder draußen in Freiheit ist die Chance nämlich sehr hoch, dass er sich gleich wieder ansteckt und auch die Arzneimitteltoleranz bei Igeln steigt von Jahr zu Jahr. Aber da Engelbertchen längere Zeit stationärer Patient bleiben würde, habe ich mich für das Entwurmen entschieden. Erstens wollte ich, dass er nach seiner Genesung die kurze Zeit, die ihm für einen Winterschlaf noch bleiben würde, in einem möglichst tiefen Schlaf verbringen könnte – und mit Innenparasiten ist das immer schwieriger als ohne. Zweitens weiß ich, dass in seinem Revier jemand regelmäßig die Igel bei füttert. Die Chance, dass er sich also gleich wieder Innenparasiten einfängt, weil er Schnecken oder Regenwürmer fressen muss, um satt zu werden, ist um einiges geringer.
Am 07. März 2026 nach 6 Wochen konnte Engelbertchen dann mit 1103 Gramm endlich in ein Gehege umziehen, wo er jetzt noch ein paar Wochen Winterschlaf halten kann. Als Altigel weiß er, wie das geht. Seine Wunde ist verheilt und es wachsen sogar schon ein paar Stacheln nach. Und auch die Systemmykose ist ausgestanden.
Eine Anekdote gibt es noch. Engelbertchen verzog nie eine Miene, wenn ich ihm eine Spritze gab und ließ auch das Einsprühen mit verdünntem Imaverol und das spätere Baden darin stoisch über sich ergehen. Und was die Wundversorgung anging, war er ein echter „die hart“! Aber wehe, wehe ich wollte sein Gesicht mit Nystaderm Suspension beträufeln – dann rollte er sich sofort ein, ließ aber immer das linke Beinchen draußen, wie um zu sagen: Stopp. Dann kam ich dahinter, wenn ich das Nystaderm auf einen kl. Pinsel gebe und ihm damit vorsichtig das Gesicht bepinsel, ist alles OK.
Bis Samstag befanden sich noch 20 Igel in Gehegen in unserem Hof und auf der Terrasse. Mein Mann und ich haben Arbeitsteilung: Er versorgt hauptsächlich die Igel draußen, die jetzt bei uns z.B. den kontrollierten Winterschlaf verbringen. Ich kümmere mich um die Tiere, die im Haus aufgenommen werden, weil sie verletzt oder sonst irgendwie hilfsbedürftig sind.
Zurzeit ist also mein Mann derjenige, der die meiste Arbeit hat: Jeden Tag alle Gehege nachschauen, ggf. Kot entfernen, Futter oder Wasser bei füllen. Weil nicht alle Gehege in den Hof passten, mussten wir acht Igel auf der Terrasse unterbringen. Dort scheint jedoch bei schönem Wetter den ganzen Tag die Sonne drauf. Und so sehr ich mich persönlich über jeden Sonnenstrahl freue, für die Igel war es da viel zu warm! Die Igel auf der Terrasse wollten partout nicht schlafen. Also haben wir uns dazu entschlossen, acht Igel aus dem Hof, die tief und fest schlummerten, jetzt schon zu ihren späteren Auswilderern zu bringen. Dadurch machten wir Platz für die acht „Randalierer“ von der Terrasse.
Und so haben wir Samstag mit dem Auswildern begonnen. Normalerweise machen wir das erst, wenn die Igel aus dem Winterschlaf erwacht sind. Dann werden sie auch noch mal durchgecheckt, gewogen und ggf. auf Gewicht gebracht. Erst danach bringen wir sie mit Gehege und Schlafhaus zu ihren Auswilderern. Oftmals sind diese nicht die Finder, da nur jeder dritte oder vierte Igelfinder „seinen“ Igel zurück möchte. -Selbst dann nicht, wenn der Stachelbär aus dem eigenen Garten stammte. Wir suchen also immer Menschen, die zwei Igeln ein neues Zuhause geben möchten. (Zwei deshalb, weil das Auswildern mit sehr viel Arbeit und Zeit verbunden ist.) Näheres über das Auswildern finden Sie übrigens unter dem Link: Bewerben Sie sich als Auswilderer
Dabei haben wir nun bewusst die Igel zu ihren späteren Auswilderern gebracht, die tief und fest schlafen, weil diese von ihrem Umzug nichts mitbekamen und ihre Auswilderer so weniger Arbeit haben. Wenn diese Tiere dann irgendwann im April oder Mai erwachen, werden wir die Tiere vor Ort noch mal durchchecken, bevor sie tatsächlich in die Freiheit entlassen werden können.
Durch die viel zu warmen Temperaturen sind aber auch schon viele (Jung)Igel wach, die in der Natur überwintert haben. Jedenfalls hat die Mehrheit der Leute, zu denen wir Kontakt haben und die ganzjährig eine Futterstelle betreiben, jetzt schon regelmäßig Besuch von Igeln, die nachts zum Fressen kommen! Die Tiere, die jetzt schon wach sind und nicht das Glück haben, in ihrer Nähe jemanden zu finden, der Igel füttert werden elendig verhungern. Es ist zwar zu warm, aber trotzdem sind noch nicht genug Insekten/Käfer unterwegs – also die natürlich Nahrung der Igel.
Sonntagmorgen haben wir zwei Igelchen zu ihrem Auswilderer gebracht und auch er sagte, dass unter seiner Futterpalette schon jede Nacht gefressen wird. Wir haben dann nachgesehen und unter der Palette lag Igelkot – jedoch nicht der Kot eines gesunden Igels. Der Kot von gesunden Igeln ist fast schwarz und fest. Dieser war hellbraun und dünn. Außerdem steht ein Schlafhaus in diesem Garten. Mein Mann und ich haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass Igel diese Häuser nicht annehmen, um darin wirklich ihren Winterschlaf zu verbringen. (Im Gehege ist das eine andere Sache, aber da haben sie auch keine andere Wahl, als das mit Stroh gefüllte Häuschen anzunehmen.) Liegt ein Igel „freiwillig“ in einem Schlafhaus, ist er in der Regel krank oder verletzt.
In dem Häuschen dieses Auswilderers lag tatsächlich ein kleiner Igel. Er war wach und leicht unterernährt. Also habe ich ihn erst mal mitgenommen und zu Hause gründlich durchgecheckt. Abgesehen von ein paar Zecken, einer leicht trockenen Haut und etwas wenig Speck auf den Rippen war er allem Anschein nach aber fit. Dann entdeckte ich ein ca. 1 Euro großes Hämatom auf den Rippen der linken Seite. Sein Brustkorb fühlte sich jedoch normal an, er war auch nicht druckempfindlich und er röchelte auch nicht. Ich bin allerdings sicher, dass irgendein Arschloch, das vor kurzen seinen Garten aufgeräumt hat und dabei den Winterschlafplatz dieses Igels entdeckte, dem armen Tier einen Tritt verpasste!
Und wenn das der Igel war, der unter der Palette fraß, war er sicher nicht gesund, jedenfalls nicht dem Kot nach zu urteilen, den wir dort gefunden hatten.
Eine Bekannte, die selbst päppelt und auch mikroskopiert und nicht weit weg, wohnt hat dann gleich Montag eine Kotprobe untersucht. „Manfred“, wie der kleine süße Kerl jetzt heißt, hatte neben einem schweren Befall mit Lungenwürmern auch einen schweren Befall mit Darmhaarwürmern und Kokzidien. Sogar einen Darmsaugwurm konnte meine Bekannte nachweisen. Diese Bekannte päppelt jetzt für unseren Verein und hat eine der ersten voll ausgestatteten Außenstellen eingerichtet. Manfred wird nun bei ihr behandelt und danach darf er wieder zurück in den Garten, wo er gefunden wurde. Das besondere an klein-Manfred ist, dass er eine hellbraune Nase hat. Die allermeisten Igel haben schwarze Näschen. Außerdem kann meine Bekannte viel besser fotografieren als ich – wie man am Foto von Manfred erkennt.
Donnerstag, der 02. April 2026
In der vergangenen Nacht war in unserem Garten der erste Igel unterwegs. Im großen Futterhaus hat er tüchtig zugeschlagen: Alle Mehlwürmer und Soldatenfliegenlarven waren heute Morgen weg. …dass der Napf auf dem Video leer aussieht, hängt damit zusammen, dass er ihn schon vor den Aufnahmen halb leer gefressen hatte ![]()
Aber man sieht auf den beiden Videos auch sehr schön, wie wichtig genügend frisches Trinkwasser für die Tiere ist.
Weil der Igel doch etwas untergewichtig aussah und man zudem die vielen dicken Zecken gut erkennen konnte, beschlossen mein Mann und ich ihn am nächsten Abend einzufangen. Außerdem ließ das viele Kratzen auf einen übermäßigen Befall mit Flöhen schließen. Donnerstagabend um kurz nach 22 Uhr kam der kleine Mann ins Futterhaus zurück und wir holten ihn rein. (Man kann die Uhr danach stellen: Wenn ein Igel um 22 Uhr zum Fressen kommt, tut er das in den Folgenächten meist um die gleiche Zeit.)
Unsere Igel sind zudem alle an unterschiedlichen Stellen mit weißem Nagellack markiert. Zusätzlich bekommen sie alle einen Klecks rosa oder blauen Lack. Weißer Lack deshalb, weil es die einzige Farbe ist, die man auf der Wildkamera, die ja mit Infrarot arbeitet, erkennen kann. So wissen wir in der Regel, welcher Igel da unterwegs ist. Leider ist die Markierung mit Nagellack nur begrenzt haltbar. Deshalb schreibe ich mir zu jedem unserer Igel auch noch seine Besonderheiten auf. Z.B. Narben durch alte Verletzungen oder wo er weiße Krallen hat oder ob er ein schwarzes oder braunes Gesicht hat. Die einwandfreie Identifizierung hat auch den Vorteil, dass ich weiß, wann/ob ein Tier bspw. entwurmt wurde.
Dieser Igel entpuppte sich als Carlo. Nach einem Bad in Apfelessig konnte ich auch tatsächlich noch Reste seiner individuellen Nagellackmarkierung finden. Außerdem hat Carlo an der linken Vorderpfote 2 weiße Krallen: Ring- und Mittelzeh. Carlo lebte schon in unserem Garten, als wir 2023 hierherzogen. Damals war er noch ein sogenannter “Jungigel”, geboren 2022. Anhand seiner Geschichte lässt sich zudem sehr schön aufzeigen, wie viel Leid ein einziger Mähroboter anrichten kann, wenn er nachts betrieben wird! Carlo war das erste Mal stationär bei uns in Behandlung im Juni 2023. Aufnahmegrund: Kopfverletzung durch Mähroboter. Damals wurde auch eine Kotuntersuchung gemacht und er wurde entsprechend entwurmt. Sein zweiter stationärer Aufenthalt folgte nur wenige Wochen später, Ende August. Aufnahmegrund diesmal: 2 kl. Wunden an der rechten Seite mit Abszess und vereiterte Augen. Diese “Augenkrankheit” wird durch Pestizide ausgelöst, wenn der Igel damit in Berührung kommt. Sie ist mit Antibiotika jedoch ganz gut zu behandeln und bleibt in der Regel ohne Folgeschäden. Ohne Behandlung stirbt der Igel jedoch qualvoll. Seine Augen verkleben, sodass er nichts mehr sieht und Fliegen fühlen sich von dem Eiter ebenfalls angezogen. Sie legen ihre Eier darin ab und die Maden, die aus den Eiern schlüpfen, fressen sich dann durch das Auge.
Auf diesem Foto erkennt man sehr gut sein angenagtes rechtes Ohr.
Das nächste Mal, dass wir Carlo stationär in Behandlung hatten, war im Juli 2024. Aufnahmegrund: Verletzung Mähroboter. Eine erneute Kotprobe ergab, dass er aber noch immer Innenparasiten-frei war. Wahrscheinlich deshalb, weil unsere Igel immer genügend Futter im Garten finden. Auch wenn es sich dabei nur um getreidefreies Katzentrockenfutter, Mehlwürmer und Soldatenfliegenlarven handelt, so haben die Tiere es zumindest nicht nötig, aus Hunger Schnecken oder Regenwürmer anzufressen. Beide Überträger von Lungen- und Darmwürmern.
Im Oktober 2024 war Carlo erneut “zu Besuch” – diesmal aber “nur” wegen eines Milbenbefalls.
2025 haben wir Carlo dann immer nur als sogenannten Tagesgast ambulant reingeholt. Bspw. um ihn zu entflohen oder ihm die dicksten Zecken aus dem Pelz zu ziehen. Der Mann, der seinen Mähroboter immer nachts laufen ließ, war verstorben – seither keine verletzten Igel mehr in unserem Garten (jedenfalls nicht mit Verletzungen durch Mähroboter).
So wie Carlo hatten wir bis 2025 viele Igel, die mehrmals im Jahr stationär aufgenommen werden mussten, weil sie schlimme Verletzungen durch ein und denselben Mähroboter erlitten. Ich denke auch, dass ich mittlerweile ganz gut in der Lage bin einzuschätzen, welche Art von Verletzungen eindeutig einem Mähroboter zuzuordnen sind und welche nicht. Verletzungen durch einen sogenannten Kanten- oder Freischneider sind wesentlich tiefer und länger – auch ähneln sie eher Schnitten. Man findet sie auch öfter am Körper und seltener am Kopf, weil der Igel i.d.R. davon tagsüber verletzt wird – dann, wenn er der Länge nach bspw. im hohen Gras liegt und schläft. Hingegen betreffen Verletzungen durch Mähroboter hauptsächlich den Kopf. Das hängt mit der Art und Weise zusammen, wie der Igel sich von dem Mähroboter wegdreht. Die schwersten Verletzungen finden sich dann auch fast immer an der rechten Kopf- und Gesichtshälfte. Ich habe keinen Beweis dafür, aber anhand der Reaktionen/Reflexe der Igel, die ich bislang in Behandlung hatte, würde ich sagen, dass die meisten Igel ebenfalls “Rechtshänder” sind. -Daher auch die schlimmsten Verletzungen rechts. So wie wir, wenn wir Rechtshänder sind, reflexartig mit rechts etwas fangen oder uns mir rechts zuerst abstützen wollen, reagiert auch ein Igel fast immer mit rechts oder der rechten Körperhälfte zuerst. So wendet er sich auch mit der rechten Körperhälfte – Nase voraus – einem Mähroboter zu.
Im Übrigen ist Carlo ein Igel, der immer früh aus dem Winterschlaf erwacht. Auch 2025 war er am 05. April der erste Igel, der unsere große Futterstelle im Garten aufsuchte. Damals hatte er aber im Vergleich zum Herbst davor kaum an Gewicht verloren. Jetzt wog er nur noch 806 Gramm. Das ist für einen männlichen Altigel sehr wenig – v.a.D., wenn man bedenkt, dass Carlo früher auch mal 1300 Gramm auf die Waage brachte. Nun ist er aber mittlerweile auch schon in die Jahre gekommen – im Herbst feiert er seinen vierten Geburtstag. Damit erreicht er das durchschnittliche Alter wild lebender Igel. Die meisten werden jedoch schon vorher getötet oder verhungern. Auch Carlo wäre mindestens zweimal gestorben, hätten wir ihn nicht wieder zusammengeflickt bzw. gesund gepflegt. (Neben ca. 15 anderen Igeln aus unserem Garten in den letzten 3 Jahren, die alle schon längst tot wären, hätten wir sie nicht gefunden.) Und natürlich ist es nicht so, dass ausgerechnet in unserem Garten extrem viele Tiere mit lebensbedrohlichen Verletzungen auftauchen. Überall werden Mähroboter nachts betrieben, kommen Kantenschneider oder Pestizide zum Einsatz und der Mangel an natürlichem Futter ist auch nicht auf OFL beschränkt! Wenn man die Zahl an verletzten Tieren aus unserem Garten hochrechnet – und sei es nur auf 500 m2, versteht man, warum der Igel mittlerweile auf der Vorwarnstufe der Roten Liste steht.
Zurück zu Carlo. Neben vielen dicken Zecken und einem Haufen Flöhe hatte er aber auch noch ein angenagtes rechtes Ohr. Es sah aus, als wenn jemand (vielleicht eine Ratte?) im drei kleine Stücke oben aus der Ohrmuschel herausgebissen hätte. Die Wunde war allerdings schon komplett verheilt.
Dann habe ich mir die Liste der Tiere, die 2025 ambulant bei uns waren, angesehen und festgestellt, dass Carlo am 06.09.2025 das letzte Mal von mir behandelt worden war. Damals wog er 1030 Gramm und nachdem ich ihn entfloht und die Zecken entfernt hatte, ließ ich ihn wieder laufen. Die Ohrverletzung kann er sich erst danach zugezogen haben. Leider haben wir ihn nach dem 06.09.2025 nicht mehr gesehen – bis heute.
Carlo ist dann eine Woche dringeblieben und hat die Zeit zwischen zwei kuscheligen sauberen Handtüchern in seiner Box sichtlich genossen. Weil er auch ziemlich verdreckt war und überall Blutreste von den vielen Flohbissen zwischen seinen Stacheln klebten, habe ich ihn gebadet – im letzten Durchgang mit einem Schuss Apfelessig. Einen Tag später habe ich seine Haut leicht mit Kokosöl eingeölt und die Öhrchen mit Manuka Lind. Außerdem hat er eine Kralle an seinem linken Vorderfuß, die spiralförmig nach oben wächst, bevor sie sich nach hinten dreht und ihm ins Fleisch schneidet. Diese Kralle muss bei ihm auch regelmäßig, mindestens 2x jährlich, kurz geschnitten werden. Das alles hat er mit stoischer Geduld über sich ergehen lassen. Danach lag er mit allen Vieren von sich gestreckt unter seinen Handtüchern oder lag auf der Seite so tief schlafend, dass er gar nicht merkte, wenn ich das obere Handtuch anhob. Und wie alle Igel, die länger oder öfter stationär behandelt werden müssen, kennt auch Carlo seinen Namen und reagiert positiv auf meine Stimme. Igel sind auch in der Lage, einfache Kommandos zu lernen (siehe Video).
Morgens hat sich mein Mann mit ihm immer eine Weile in die Sonne gesetzt und gekuschelt. Die Igel aus unserem Garten kennen das und auch Fremdigel, die zur Genesung bei uns sind, begreifen, dass es ihnen hier gut geht und sie v.a.D. sicher sind.
Carlo hat in der Woche gute 100 Gramm an Gewicht zugelegt und am 09.04.2026 haben wir ihn wieder über ein Schlafhaus im Garten freigelassen. Nachts war er erneut auf der Wildkamera zu sehen.
Loki ist der erste Jungigel, der vor ein paar Tagen mit 570 Gramm aus dem Winterschlaf erwacht ist. Er hat Quartier bei seiner zukünftigen “Pflegefamilie” bezogen. Dort bleibt er noch im Gehege, bis sein Gewicht ca. 700 Gramm beträgt. Loki war im vergangenen Herbst der erste Igel, der bei uns in den kontrollierten Winterschlaf ging. Damals, am 01. Dezember 2025, wog er 614 Gramm. Für einen Jungigel, der das winterschlafen ja auch erst noch lernen muss, war er überraschend schnell eingeschlafen und hat relativ gut durchgeschlafen. Bis zu seinem vollständigen Erwachen vor ein paar Tagen ist er nur wenige Male für eine Nacht wach gewesen, um einen Happen zu fressen. Es entspricht nicht den Tatsachen, dass Igel im Winter durchweg schlafen. Gerade Jungigel oder Tiere, die schon mit zu wenig Gewicht (unter 500 Gramm) in den Winterschlaf gehen, erwachen sehr oft daraus. Dann begeben sie sich auf Futtersuche und damit beginnt ein tödlicher Kreislauf. Im Winter gibt es nämlich keine natürliche Nahrung mehr für sie. In einer Nacht können die Tiere jedoch bis zu 50 Gramm an Gewicht verlieren und mit jedem Gramm weniger wird es schwieriger, überhaupt noch mal in den Winterschlaf zurückzukehren. Diese Tiere verhungern qualvoll, wenn sie nicht gefunden werden! Möglich, dass Igel in früheren Zeiten nicht aus dem Winterschlaf erwachten. Mögliche Ursachen für das heutige Verhalten sind neben den zu hohen Temperaturen im Winter wohl auch der Rückgang an natürlichen Nahrungsquellen. Erst bei dauerhaften Temperaturen unter 7 Grad Celsius beginnt der Organismus eines Igels dem Tier mitzuteilen, dass es Zeit ist für den Winterschlaf. Außerdem braucht ein Altigel mindestens 800-900 Gramm Gewicht, ein Jungigel 600 Gramm, um in einen qualitativen, tiefen Winterschlaf zu gelangen. Aus diesem Grund ist es unerlässlich geworden, auch im Winter immer eine Futterstelle für Igel einzurichten!
Von den 20 Tieren, die bei uns zurzeit den Winterschlaf verbringen, hat kein einziges Tier durchgeschlafen. Selbst Igel wie Loki, die überwiegend geschlafen haben, sind ab und zu eine Nacht wach gewesen. Bei vier Igeln hält es sich ungefähr die Waage. Sie schlafen mehrere Tage am Stück, dann sind sie 2-3 Nächte infolge wach – wobei die Schlafphasen überwiegen. Eine Jungigelin hatte richtig Schwierigkeiten mit dem Winterschlafen und hat ständig nachts randaliert. Erst nachdem wir ihr die Mehlwürmer und Soldatenfliegen weggenommen haben und sie als Futter nur noch getreidefreies Katzentrockenfutter (Kitten) angeboten bekam, ist sie nach einigen Tagen in den Winterschlaf gegangen. Seither wird sie nur noch sporadisch wach. Ein anderer Jungigel ist immer noch wach. Er hat den ganzen Winter über kaum geschlafen. Bei ihm half auch der Entzug der Mehlwürmer nicht. Da alle Igel vor der Unterbringung im Gehege/Winterquartier auf Innenparasiten untersucht und ggf. entwurmt wurden, kann ich einen Parasitenbefall als Ursache ausschließen. Aber genau genommen haben wir jedes Jahr ein Tier, das partout nicht schlafen will – oder aber erst im April für 2-3 Wochen doch noch schläft. Was die Ursachen hierfür sind, weiß ich leider nicht. Auch eine Bekannte, die selbst 4 Igel im Winterquartier betreut, hat einen Jungigel, der ebenfalls so gut wie jede Nacht wach ist. Das sind dann die ersten Tiere, die in die Freiheit entlassen werden, sobald zumindest einige Insekten/Käfer unterwegs sind. Zusätzlich trainieren wir solche Tiere in einem großen Gehege (ca.2x1m) schon darauf, dass sie Futter unter einer Palette finden. Dazu koppeln wir eine Futterpalette mit dem Gehege und die Tiere müssen zum Fressen hineinkriechen. Das Gehege selbst steht auf dem Rasen, sodass das Tier dort auch schon die Möglichkeit hat, Käfer zu jagen – denn auch das will gelernt sein. Später wird das Gehege weggenommen und nur die Futterpalette und das Schlafhaus bleiben an Ort und Stelle stehen, aber der Igel ist nun frei. Die männlichen Igel verschmähen künftig meist das Schlafhaus und kommen nur noch zum Fressen unter die Palette. Die Weibchen hingegen nutzen das Haus oft noch eine Weile, um darin den Tag zu verschlafen, bis sie sich draußen einen eigenen Schlafplatz eingerichtet haben. Nach ca. einer Woche können auch Futterpalette und Schlafhaus um einige Meter versetz werden, sodass sie vielleicht nicht mehr mitten im Garten stehen. Der Igel riecht den neuen Standort. Dennoch ist es ratsam, das Schlafhaus regelmäßig zu reinigen und mit frischem Stroh auszustatten und von Zeit zu Zeit nachzusehen, ob ein Igel darin liegt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Igel, die im Sommer ein Schlafhaus nutzen, meist verletzt oder sonst wie krank sind.
Noch ein Wort zur Fütterung im Winterquartier bei Igeln, die dort den Winterschlaf verbringen: Es gibt Päppler, die sagen, dass man den Tieren, wenn sie nicht schlafen wollen, das Futter komplett entziehen soll. Mein Mann und ich finden das sehr grausam. Der Igel wird wach, findet kein Futter mehr vor und kann auch nicht weglaufen – das ist Panik und Stress pur für das Tier. Wir haben allerdings die Erfahrung gemacht, wenn wir einem Tier in so einem Fall nur noch Futter anbieten, welches es nicht unbedingt als Superlecker empfindet, wie z.B. einfaches getreidefreies Katzentrockenfutter, dass zumindest einige Tiere dann tatsächlich nach einigen Nächten beschließen, in den Winterschlaf zu gehen. Wir sind überzeugt, dass einige Tiere nur jede Nacht rauskommen, um die leckeren Mehlwürmer und Soldatenfliegenlarven zu fressen und deshalb nicht einschlafen wollen.
Loki jedenfalls geht es gut. Mit 44 Gramm hat er nicht übermäßig viel an Gewicht verloren. Für einen Igel, der tatsächlich fast immer geschlafen hat, ist dieser Gewichtsverlust normal und in ein paar Wochen hat er sich alles in wieder angefuttert.
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Autorin dieses Blogs:
Kristina Martha Bruins
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Blog 21 Igel-Tagebuch 2026
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